Der Garten ist bis heute fixer Bestandteil ihres Alltags. „Umsonst kommt nix“, meint sie dazu. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz: „Jetzt werden halt die Nachkommen angestellt – ohne Gehalt“, sagt sie schmunzelnd. „Ein brotloses Gewerbe“, wirft ihre Tochter ein, worauf Gertrud trocken entgegnet: „A Brot kriegsch schon no.“ Auch Ingeborg kennt das nur zu gut: „Aus ‚Ich gehe schnell ein Kräutlein holen‘ wird schnell eine halbe Stunde Unkraut jäten.“
Arbeit, Familie und ein starkes Miteinander
Schon früh war Gertrud Thurnher in das Arbeitsleben eingebunden. Als Wirtstochter half sie im elterlichen Gasthaus mit, bevor sie durch Zufall zum Finanzamt kam. „Ich kann es mir ja mal anschauen“, sagte sie sich und blieb schließlich zehn Jahre lang als Chefsekretärin. Als einzige Frau unter 60 Männern erinnert sie sich gerne an diese Zeit: „Die Männer waren alle Kavaliere und wollten sich von ihrer besten Seite zeigen.“ Dort lernte sie auch ihren Mann Georg kennen, den sie als „Muster-Vater und -Ehemann“ beschreibt. Gemeinsam zogen sie später ins Haus im Breitenacker, wo mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Ihre Tochter Ingeborg erinnert sich an eine besondere Familienkultur: „Wir hatten alle eine Stimme in diesem Haus – ganz ohne Erziehungsbücher. Wir wurden ernst genommen, auch als Kinder.“ Gerade dieses Miteinander habe sie geprägt.
Mit dem Fahrrad durch die Jugend
In ihrer Jugend war Gertrud Thurnher viel in Bewegung – und oft ihrer Zeit voraus. Als einzige in der Klasse besaß sie ein Fahrrad, was damals ein echter Luxus war. „Loss mi oh a Ränkle fahra“, baten ihre Mitschülerinnen immer wieder. Ihre Eltern hatten als Betreiber eines Wirtshauses wenig Freizeit, also wurde sie zur kleinen Abenteurerin: Sie schwamm in der Ach, baute Hütten und erlebte so manches, „das ich zuhause nicht erzählen durfte“, sagt sie mit einem Lächeln.
Auch sportlich war sie immer sehr aktiv. Bergtouren bis zum Piz Buin, Ausflüge in die Alpen – vieles davon bewältigte sie mit dem Fahrrad. Von Bregenz bis ins Montafon, dann auf den Berg und wieder zurück. „Ich war doch recht sportlich“, sagt sie. Ihre Tochter ergänzt: „Alles mit einem Fahrrad ohne Gangschaltung.“ Selbst bis nach Galtür fuhr sie einmal – eine Strecke, an die sie sich noch gut erinnert: „Ich habe gemeint, es hört nicht mehr auf.“
Bregenz im Wandel und ein Blick aufs Leben
Auch heute verfolgt sie die Entwicklung ihrer Heimatstadt aufmerksam. Veränderungen wie die Pipeline oder neue Begegnungsräume bewertet sie positiv, gleichzeitig erinnert sie sich an andere Zeiten: „Früher konnte man hier und da noch Veilchen pflücken.“ Ihre Tochter ergänzt: „Wir haben in Bregenz sehr viel dazugewonnen.“ Ein großes Lob spricht sie der Stadtgärtnerei und dem Forst aus. Bregenz sei für sie bis heute „wie ein Kurort“.
Auf die Frage nach dem Geheimnis ihres hohen Alters antwortet Gertrud Thurnher schlicht: „Ich wüsste keines, ich habe ganz normal gelebt.“ Ihr Alltag ist ruhig geworden, aber bewusst gestaltet – mit Zeitung, Gesprächen, Rätsel lösen und kleinen Ritualen. „Ich bin schon sehr gezähmt worden“, sagt sie lachend.
Ihren Rat an die Jugend formuliert sie klar: „Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen.“ Den Menschen in Bregenz gibt sie mit: „Lebt in Frieden miteinander“. Auch wünscht sie sich mehr Toleranz und Respekt untereinander. Ihre Tochter bringt es zum Schluss auf den Punkt: „Ihr wart unsere Vorbilder, jetzt müssen wir es euch nur noch nachmachen.“
Zum Abschluss sagt Gertrud Thurnher lächelnd: „Ich werde 107 dieses Jahr – stellen Sie sich das vor, und ich muss mich dabei gar nicht anstrengen.“