Ein Wächter der Bregenzer Oberstadt

Die Oberstadt: Erhaben steht sie da, ehrenwert umgeben von Stadtmauer und Martinsturm. Trotz stolzem Charakter weht „oben“ ein dörflicher Wind. Bregenz zählt über 29.000 Einwohner:innen, nur etwa 350 davon leben in der historischen Oberstadt. Eine Art Gemeinde inmitten der Landeshauptstadt. Wir wollten mehr erfahren über dieses Dorf in der Stadt. Werner Amann, ein Urgestein der Bregenzer Oberstadt, fand Zeit und lud uns ein – zu Kaffee, Kuchen und einer Reise in seine Erinnerungen.

Der Martinsturm gibt den Takt an

„Die größte Spielwiese war für uns Kinder der nahe Wald. Einziger Anhaltspunkt: das Läuten der Glocke im Martinsturm! So wussten wir, wann es Zeit war für das Mittagessen und später dann fürs Heimkehren. Manchmal haben wir es aber auch einfach überhört!“, schmunzelt Werner. Der Martinsturm mit barockem Zwiebelturm und die angrenzende Martinskapelle mit den historischen Fresken lässt Kinder und Erwachsene auch heute noch eintauchen in eine Welt voller Geschichte(n). Werner trinkt seinen Kaffee und erzählt weiter von seiner ganz persönlichen Geschichte, oben im Städtle.

Alte Mauern, einprägsame Jahre

„Hier oben bin ich geboren, zur Schule gegangen und ich bin bis heute – immer gerne – hier geblieben“, sagt Werner Amann und erklärt seine Heimatverbundenheit: „Wenn du als zehnjähriger Junge als ‚Polier‘ an der Seite von sechs Männern mithelfen darfst, die Oberstadt neu aufzubauen, dann prägt das. So sehr, dass ich auch heute noch mitarbeite, um unsere schöne Altstadt zu bewahren und zu pflegen.“ Die Amanns haben ihr Haus im mittleren 17. Jahrhundert gekauft. Das ehemalige Bürgermeisterhaus wurde bereits 1511 auf Steinmauern – und dadurch sicher gegen Sturm und Witterung – erbaut. Viele historische Gebäude in der Oberstadt stehen aufgrund dieser stabilen Bauweise, aber auch dank der Pionierarbeit von Werner Amann und seinem Vater heute noch solide da.

Ein Pionier in Sachen Gemeinschaft

Weil der Oberstadt wenig Mittel zur Verfügung standen und die Gebäude reihum in desolatem Zustand waren, nahm sich Amann senior ein Herz und gründete eine Arbeitsgemeinschaft. Alle Nachbarn – vom Briefträger über den Architekten, den Metzgermeister bis hin zum „Burtscher Pepe“, dem Bürgermeister-Chauffeur – waren dabei, um die Oberstadt wieder auf Vordermann zu bringen. Niemand wurde bezahlt, das Baumaterial wurde selbst angeschafft und die Kosten aufgeteilt. „So ging Gemeinschaft damals – und so versuche ich es auch heute noch hier zu leben“, sagt der pensionierte Betriebsleiter. Gemeinsam mit seiner Familie wohnt Werner im alten Rathaus. Er lässt als Imker „seine Stadt“ erblühen und lädt die Exil-Oberstädtler gerne zu sich ein. Dann gibt es den berühmten Schüblingssalat und einen Most – wie in alten Zeiten!

Text: Myrthe Liebschick