"Stillstand mag ich nicht"

Ihren Namen werden die meisten Vorarlberger:innen vermutlich zunächst mit dem Bregenzerwald, nicht mit Bregenz assoziieren. Und auch nicht mit Liechtenstein, wo sie seit 15 Jahren als Geschäftsleiterin der Kulturstiftung Liechtenstein arbeitet. Woran liegt das? Elisabeth Stöckler machte vor allem mit der Gründung des Frauenmuseums in Hittisau – dem bis heute einzigen in ganz Österreich – von sich reden.

Doch der Reihe nach: 1963 in Dornbirn geboren, wuchs Elisabeth Stöckler in Hittisau auf. Die gelegentlichen Ausflüge in die Stadt hat sie heute noch genau vor Augen, zum Beispiel den ersten Theaterbesuch beim „Weihnachtsmärchen“ in Bregenz. Das Nebeneinander von solchen öffentlichen Veranstaltungen einerseits und Anonymität andererseits, das eine Stadt bietet, hat sie damals schon beeindruckt.

Allrounderin

Nach der Matura zog es sie nach Innsbruck, wo sie Geschichte und Kunstgeschichte studierte. „Dann habe ich gemerkt: Ausstellungen machen, das liegt mir.“ Sie absolvierte einen postgradualen Lehrgang für Museums- und Ausstellungskurator:innen im Kunst- und Kulturbetrieb in Wien und Krems. Später kam dann in Zürich noch ein Master in Transdisziplinarität dazu. Elisabeth Stöckler liebt Vielfalt und die Möglichkeit, an vielen verschiedenen Dinge gleichzeitig zu arbeiten– „eine klassische Allrounderin“, wie sie sich selbst charakterisiert. „Das kann ich im regionalen Kontext viel besser ausleben, nicht in der Großstadt oder in großen Institutionen, wo es um ein höheres Maß an Spezialisierung geht.

2007 zog sie mit ihrem Mann ins Weiherviertel, als zwei Haushalte zusammengelegt wurden. Die Ausgangslage bei diesem Umzug war „hochprivilegiert“, wie sie sagt: Ihre Eltern hatten diese Wohnung bereits 1968 gekauft, als das Haus gebaut wurde. Zwischenzeitlich war sie lange vermietet. Jetzt wohnt Elisabeth Stöckler selbst in dieser Wohnung und schätzt unter anderem das Dachgeschoss. Alle Bewohner:innen können dieses nutzen und nicht zuletzt den Ausblick auf den Bodensee genießen. „An Silvester ist dort natürlich einiges los“, erzählt sie lächelnd, ebenso an manchen lauen Sommerabenden. Zu voll sei es aber nie.

„Begegnungs- und Beziehungsarbeit“

Was ihr missfällt: Immer wieder kommt es vor, dass beispielsweise Aushänge mit guten Weihnachtswünschen der Hausobfrau oder die Ankündigung zum Weiherviertelfest nach kurzer Zeit verschwinden. „Es braucht noch Begegnungs- und Beziehungsarbeit, um das Weiherviertel aufzuwerten“, sagt sie. Sie identifiziert sich mit ihrem direkten Umfeld: „Ich fühle mich als Bewohnerin der Entwicklung des Weiherviertels verpflichtet.“

International anerkanntes Frauenmuseum

Sie mag Entwicklungsprozesse, mit Stillstand hingegen tut sie sich schwer. Ende der 1990er-Jahre hatte sie die Chance, ihre Expertise und Ausdauer bei einem herausfordernden Projekt in der Heimat einzubringen: dem Frauenmuseum. Vier Leitmotive sollte es pro Jahr in den Ausstellungen geben: einmal etwas aus der Region, einmal „ein Blick über den Kirchturm“, ein historisches und ein künstlerisches Thema. Manche Aspekte konnte man auch miteinander kombinieren. Sie war zur rechten Zeit am richtigen Ort, wie sie sagt. Wichtig war ihr, die Menschen vor Ort mitzunehmen, von 18 bis 80 Jahren.

„Elisabeth Stöckler ist eine Pionierin im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat für Vorarlberg mit hohem persönlichem Einsatz und viel Zähigkeit einen Weg für das Frauenmuseum gefunden. Sie hat Selbstermächtigung als Frau vorgezeigt, die Dinge in die Hand genommen und etwas gefordert und installiert, was sich viele gar nicht vorstellen konnten. Heute ist das Frauenmuseum international anerkannt und strahlt weit über die ländliche Region hinaus.“ Das sind einige der Worte, die Vizebürgermeisterin Sandra Schoch bei der Verleihung des Agathe-Fessler-Frauenpreises der Landeshauptstadt Bregenz an Elisabeth Stöckler im Jahr 2023 fand.

Agathe Fessler richtete Marienheim ein

Passenderweise ist die Namengeberin des Bregenzer Frauenpreises besonders im Weiherviertel wohlbekannt: Agathe Fessler gilt als Begründerin der modernen Sozialarbeit in Vorarlberg. Sie gab stellenlosen jungen Frauen ein Zuhause, bot ihnen einen Zufluchtsort – im Marienheim, dem ehemaligen Sitz der Vorarlberger Landes-Versicherung.

Text: Thorsten Bayer