Unterwegs mit offenen Augen und offenem Herzen

Gerhard Erker ist ein Mensch, der Bregenz kennt wie kaum ein anderer. Nicht aus Büchern oder Stadtplänen, sondern aus 30 Jahren unterwegs sein, aus unzähligen Fahrten durch jede Gasse, jeden Stadtteil und zu beinahe jedem Haus.

„Ich habe sicher drei Viertel aller Häuser in Bregenz einmal angefahren“, sagt er mit einem Lächeln.

Geboren wurde Gerhard 1960 in Hörbranz. Seine Eltern zogen bald nach Bregenz, wo sein Vater als Schulwart an der HTL arbeitete. Die Familie lebte in einer Dienstwohnung in der Michel-Felder-Straße. Dort wuchs er auf, mitten in der Stadt, und fühlte sich früh als „Städtler“. Seine Schulzeit verbrachte er in der Belruptstraße, und nach dem Unterricht war die Pipeline der Treffpunkt für alle. Schwimmen, reden, den Blick über den See genießen – dieser Ort hat bis heute eine besondere Bedeutung für ihn.

Nach der Schule schlug Gerhard zunächst einen klassischen Berufsweg ein. Er lernte Industriekaufmann und arbeitete Jahre als Buchhalter und Steuerberater. Besonders stolz ist er darauf, dass er neben seiner hundertprozentigen Berufstätigkeit auch noch die Abendschule an der HAK absolvierte. Doch trotz beruflicher Sicherheit spürte er eine Unruhe in sich. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass das vielleicht nicht ganz mein Weg ist“, sagt er rückblickend.

Der Schritt zum Taxifahrer war zunächst nicht als Lebensentscheidung gedacht. Nach einer Kündigung wollte er sich nur etwas dazu verdienen. Doch aus ein paar Fahrten wurden Jahre – und aus einem Nebenjob wurde Berufung. 30 Jahre lang war Gerhard als Taxifahrer in Bregenz unterwegs, bei verschiedenen Unternehmen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er fuhr Krankentransporte, Kurzstrecken durch die Stadt, aber auch Fahrten nach Lech, Zürs und in die Schweiz.

Für ihn war das Taxi nie nur ein Transportmittel. „Inoffiziell ist man Psychotherapeut, Zuhörer und Lebenscoach“, sagt er. In wenigen Minuten entstanden viele verschiedene Begegnungen, manchmal mit oberflächlichem Small Talk, manchmal mit tiefgehenden Gesprächen, manchmal mit einer angenehmen Stille. Mit der Zeit entwickelte er ein feines Gespür dafür, wer reden möchte und wer lieber seine Ruhe hat. Am liebsten waren ihm jene Fahrgäste, die von selbst ein Gespräch begannen. Besonders mit Stammkund:innen entstanden oft vertraute, wertvolle Begegnungen.

Eine Fahrt ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Eine ältere Dame stieg beim Hotel Mercure ein, ursprünglich mit dem Ziel St. Margarethen. Von dort aus wollte sie einen Zug in das Tessin nehmen. Während der Fahrt erzählte sie, dass sie am Abend zuvor bei einem Pokertunier im Casino 20.000 Euro gewonnen hatte. Spontan fragte sie, was eine Fahrt nach Locarno kosten würde. Als Gerhard den Preis nannte, war sie sofort einverstanden. So wurde aus einer kurzen Fahrt eine etwas längere Reise. „Das war eine Fahrt, die vergisst man nicht“, lacht er.

Auch seine große Liebe lernte Gerhard im Taxi kennen. Priska war eine wiederkehrende Kundin. Sie gefiel ihm schon lange, doch er traute sich nicht, sie anzusprechen. Irgendwann nahm er all seinen Mut zusammen und bot ihr das „Du“ an. Später lud er sie zum Essen ein. Heute sagen beide, dass sie damals gefunden haben, wonach sie gesucht hatten. Priska stammt ursprünglich aus Höchst, ist aber überzeugte Wahl-Bregenzerin und möchte nicht mehr weg aus der Stadt.

Gerhard beschreibt sich selbst als introvertierten Menschen, der nicht gerne über sich spricht. Priska sieht das anders. Sie findet, das seine Geschichte genauso zu den Menschen in Bregenz gehört wie alle anderen. Trotz der vielen Jahre im Taxi hatte er nur wenige negative Erlebnisse. Er wurde nie überfallen, einmal jedoch bestohlen. Ein anderes Mal fuhr er jemanden ohne Geld nach Hause und vertraute den Worten des Fahrgastes, dass dieser am nächsten Tag bezahlen würde. Tatsächlich kam er zurück und beglich den Betrag. Solche Momente bestärkten ihn in seinem Vertrauen in die Menschen.

Er beobachtet, dass sich der Umgang miteinander verändert hat. „Die Menschen sind heute oft egoistischer geworden“, sagt er. Besonders die Umstellung vom Siezen zum Duzen war für ihn als jemand von „der alten Schule“ eine große Veränderung. Dennoch wünscht er sich vor allem eines: mehr Freundlichkeit. „Die Bregenzer:innen sollten mehr aufeinander schauen und öfter lächeln.“

Gerhard und Priska lieben ihr Leben in Bregenz. Der See ist für sie ein Kraftort, etwas ganz Besonderes. Sie gehen gerne in die Fußgängerzone, essen im Schwärzler, trinken Kaffee im Museumscafé und besuchen regelmäßig das Theater. Auch heute lässt sich Gerhard, seiner alten Berufung treu bleibend, gerne von ehemaligen Kolleg:innen mit dem Taxi fahren.

Die Entwicklung der Stadt verfolgt er aufmerksam. Jede Bürgermeistergeneration habe ihr eigenes großes Projekt hinterlassen: der Bahnhof, der Festspielplatz, der Hafen, der neue Bahnhof. „So ist aus Bregenz im Laufe der Jahre eine richtige Stadt geworden“, sagt er.

Für die Zukunft hat Gerhard einen einfach klingenden Wunsch. Weniger Verkehr in der Stadt, mehr Ruhe – vor allem im Sommer im Stadtteil Weidach. Er weiß, dass das schwierig ist, aber wünschen darf man es sich. Am Festspielplatz und am Hafen wünscht er sich etwas mehr Grün.

Heute genießt er seine Pension. „Ich bin unglaublich gerne Pensionist“, sagt er. Gemeinsam mit Priska möchte er reisen, Wellnessurlaube machen und es sich im Leben gut gehen lassen. Nach vielen Jahren harter Arbeit lautet sein Lebensmotto: „Einfach genießen“.

Gerhard ist ein naturverbundener Mensch. Er sieht die Welt als großen Kreislauf. „Je weniger der Mensch in diesen Kreislauf eingreift, desto besser kann die Natur funktionieren.“

Vielleicht ist genau das auch sein Zugang zum Leben: aufmerksam sein, zuhören, nicht zu viel eingreifen, Vertrauen haben – und jeden Moment bewusst wahrnehmen.